Dreharbeiten in Janstejn: Wie wir die Glasmanufaktur Brokis für Deutsche Welle filmten
Behind the Scenes: Drei Drehorte, 1.400-Grad-Öfen und die Geschichte einer geretteten Manufaktur
Schon lange wollten wir einen Film über die böhmische Glaskunst machen. Immer wieder hatten wir das Thema gestreift, waren begeistert von dieser alten Tradition. Als wir auf der Kölner Möbelmesse imm Cologne 2018 ganz zufällig die tschechische Lichtdesignerin Lucie Koldova kennenlernten und erfuhren, dass ihre Lampen in einer 200 Jahre alten Glasmanufaktur in Böhmen entstehen, war klar: Das ist die Geschichte.
Diesen Behind-the-Scenes-Bericht widmen wir der Drehreise — und einer Manufaktur, deren Existenz an einem einzigen Mann hängt.
Eine Drehreise, drei Drehorte – Köln, Janstejn, Prag
Eine TV-Produktion mit drei Drehorten in zwei Ländern braucht klare Logistik. Tag eins: imm Cologne, die internationale Möbelmesse, auf der Lucie Koldova als »Guest of Honor 2018« das Konzept-Haus mit ihrer Lichtinszenierung »Light Levels« gestaltete. Tag zwei und drei: Anreise nach Janstejn, einem 800-Seelen-Ort 150 Kilometer südöstlich von Prag, in dem sich die Glasmanufaktur Brokis befindet. Tag vier: Lucie Koldovas Designstudio in Prag.
Drei Settings, drei Lichtsituationen, drei dramaturgische Funktionen. Das musste vor der Abreise durchdacht sein — denn Drehzeit ist Reisezeit ist Geld. Die Sony FS7 als Hauptkamera, die Nikon D800 für Detailaufnahmen, das gesamte Lichtset, alle Mikrofone: alles aus Berlin mitgebracht.
Die Brokis-Glashütte – Filmen bei 1.400 Grad
Die zentrale Drehlocation war die Brokis-Glasmanufaktur in Janstejn. Die Halle ist 200 Jahre alt, die Glasöfen werden auf 1.400 Grad erhitzt, die Glasbläser arbeiten in Schichten unter physisch harten Bedingungen. Filmisch bedeutet das: extreme Lichtkontraste, gleißende Hitze direkt vor dem Objektiv und ein ständiges Risiko für Equipment.
Was uns am Set besonders beeindruckte: die Leichtigkeit, mit der Glasbläser hier arbeiten. Die Bewegungen sind ökonomisch, eingespielt, fast tänzerisch. Wer schon einmal versucht hat, einen rotglühenden Glasballen am Ende eines Stahlrohrs in Form zu bringen, weiß, wie schwer das ist. (Unser Kameramann Uwe Schwarze hat es vor Ort selbst probiert. Das Ergebnis: Respekt — und ein paar Bilder, die wir nicht sendefähig nennen.)
Für die Bildgestaltung hieß das: viele Detailaufnahmen mit langer Brennweite — sicherer Abstand, intime Wirkung. Slow-Motion-Einstellungen für die zähflüssigen Glasformen, die unter den Bewegungen der Bläser entstehen. Und ein Verzicht auf zusätzliches Filmlicht, weil das Eigenlicht der Öfen die schönste, dramatischste Beleuchtung lieferte, die man sich denken kann.
Jan Rabell – die Geschichte hinter der Manufaktur
Manche Geschichten sucht man, manche fallen einem zu. Jan Rabell, Geschäftsführer von Brokis, kaufte die Manufaktur ursprünglich, um sie nach kurzer Sanierung gewinnbringend weiterzuverkaufen. Ein klassischer Betriebswirt-Plan.
Dann verliebte er sich. Nicht in eine Person — in das Material Glas. Er erzählte uns die Geschichte mit einem breiten Lächeln vor laufender Kamera: Wie er beschloss, die Manufaktur nicht zu verkaufen, sondern zu behalten. Wie er mit seiner Familie von Prag aufs Land zog. Wie er die besten Glasbläser engagierte, die er finden konnte. Und wie aus dem Sanierungsfall die Marke Brokis wurde.
Genau solche Aussagen sind der Grund, warum Interviews am Drehort fast immer besser sind als im Studio. Jan Rabells Begeisterung war im Raum greifbar, weil der Raum die Begeisterung erklärt.
Im Studio in Prag – Designerin und Werk im Gespräch
Der vierte Drehtag in Lucie Koldovas Studio in Prag war im Vergleich ruhig. Hier stehen ihre fünfzehn Lampenkollektionen wie eine kleine Werkschau nebeneinander. Aufgabe für das Kamerateam: Jeder Lampe ihre eigene Inszenierung geben — Glas, Form, Lichtfarbe, Reflexion alles auseinanderhalten und im Schnitt wieder zusammenführen. Hier zahlte sich der Aufwand der Detailaufnahmen aus Janstejn aus: Im Studio konnten wir zeigen, was am Ende dabei herauskommt, wenn die Glasbläser in Janstejn morgens um sechs den Ofen anwerfen.
Lucie Koldovas Aussage im Interview, die wir zum dramaturgischen Ankerpunkt des Beitrags machten: »Hier in Tschechien sind wir richtig gut darin, dieses alte Handwerk auszuüben. Das möchte ich unterstützen — darum bin ich zurückgekommen.«
Was wir aus diesem Dreh mitgenommen haben
Drei Lehren aus dieser Produktion:
- Industriereportagen brauchen Sicherheits-Briefings. Hitze, schwere Werkzeuge, präzise Arbeitsabläufe — das Kamerateam muss vor dem Dreh genau wissen, wo es stehen darf und wo nicht. Das gilt für jeden Industriedreh.
- Eigenlicht schlägt Filmlicht. Wenn die Drehlocation ihre eigene starke Lichtquelle mitbringt, sollte man sie nutzen, nicht überstrahlen. Das gilt für Glasöfen wie für Schmieden.
- Drei Drehorte = drei Drehbücher. Jede Location braucht eine eigene Funktion in der Erzählung. Sonst wirken die Übergänge im Schnitt willkürlich.
Den fertigen Beitrag, alle Auszeichnungen und Werke von Lucie Koldova finden Sie in der Referenz: »Lucie Koldova – Tschechiens Lichtdesignerin im Filmporträt«