Filmporträt: Das Designerduo »Humans since 1982« aus Stockholm
Wenn Uhren tanzen, Drohnen schweigen und Überwachungskameras Licht spenden
Eine der größten kinetischen Skulpturen der Welt hängt nicht in einem Museum, sondern am Flughafen Singapur. Sie misst über 7,5 Meter, besteht aus 504 Uhren und stammt aus einem Studio in Stockholm. Genau dort waren wir im Oktober 2019 mit der Kamera.
Unser Auslandsdreh in Stockholm bei Humans since 1982 im Oktober 2019 war ein solcher Tag. Im Auftrag der Deutschen Welle sind wir für das Magazin euromaxx — Leben und Kultur in Europa ins Industriegebiet Slakthusområdet gefahren, um das schwedisch-deutsche Designerduo Bastian Bischoff und Per Emanuelsson zu porträtieren — zwei Künstler, deren Werke irgendwo zwischen Design, Kunst und Ingenieurskunst zu Hause sind.
Der Auftrag: Ein Designstudio, das eigentlich kein Designstudio ist
Was macht eigentlich ein Designstudio so außergewöhnlich, dass seine Arbeiten weltweit in Galerien hängen — von der Saatchi Gallery in London bis zum Changi Airport in Singapur? Diese Kernfrage stellte sich die DW-Redaktion und wir gingen dieser Frage auf die Spur: 4:30 Minuten Sendezeit. Ein Hauptdrehtag in Stockholm. Bilder, die für sich sprechen.
Bastian Bischoff (Deutscher, *1982) und Per Emanuelsson (Schwede, *1982) lernten sich 2008 als Postgraduierte an der Kunsthochschule HDK in Göteborg kennen und gründeten 2009 Humans since 1982. Heute arbeiten sie in Stockholm mit einem internationalen Team aus Designern, Programmierern, Ingenieuren und Kuratoren — und der Mitinhaber David Cox, ein australischer Ingenieur, sorgt dafür, dass die technisch komplexen Visionen des Duos auch wirklich funktionieren.
Genau diese Verbindung aus Kunst, Konzept und ingenieurmäßiger Präzision wollten wir in unserem Beitrag sichtbar machen.
A million Times: Choreografierte Uhren als kinetische Skulptur
Den weltweiten Durchbruch schaffte das Duo mit der Werkserie A million Times — kinetischen Skulpturen aus Hunderten von Uhrenziffernblättern, deren Stunden- und Minutenzeiger einzeln programmiert sind. Aus Stillstand entstehen Wellen, Wirbel, geometrische Muster — und am Ende jeder Choreografie zeigen alle Uhren synchron die reale Uhrzeit an.
Die größte Installation dieser Reihe ist A million Times at Changi: enthüllt 2018 im Singapurer Flughafen, über 7,5 Meter breit, 504 einzelne Uhrenziffernblätter, vier Jahre Entwicklungs- und Programmierzeit. Sie zählt zu den größten kinetischen Skulpturen der Welt.
Für den Fernsehbeitrag haben wir die Künstler in ihrem Studio mit einem Werk aus der Serie gefilmt und sie dabei nach dem Ursprung der Idee gefragt. Die Antwort beginnt 2008, mit einer Skizze in Per Emanuelssons Wohnheimkeller — und führt direkt zu der Frage, warum Zeit als Material für Kunst funktioniert.
Surveillance Light, Collection of Drones, The Rocking Church: Mehr als nur Uhren
Wer das Studio von Humans since 1982 betritt, sieht schnell: Die Uhren sind nur ein Strang des Werks. Die zwei großen Themen, die das Duo seit 2008 umkreist, sind Zeit und Überwachung.
Surveillance Light ist eine Lampe, gebaut aus umfunktionierten CCTV-Überwachungskameras — eine satirische Geste, die das Orwellsche Motiv der freiwilligen Überwachung im eigenen Wohnzimmer wörtlich nimmt.
Collection of Drones zerlegt kleine Konsum-Drohnen und präsentiert ihre Einzelteile in entomologischen Schaukästen, als handle es sich um wissenschaftlich katalogisierte Insekten. Die Künstler »entschärfen« die Geräte — sie machen sie unbeweglich und gewinnen die Kontrolle zurück. 2021 erschien diese Werkreihe in einer limitierten Edition exklusiv bei IKEA, im Rahmen des ART EVENT 2021 zusammen mit fünf weiteren internationalen Künstlern.
The Rocking Church war zum Zeitpunkt unseres Drehs das jüngste Projekt: ein drei Meter hoher Nachbau des Ulmer Münsters, montiert auf Schaukelkufen. Wir konnten verschiedene Etappen des Entstehungsprozesses dokumentieren — Künstler, Designteam und Technikteam parallel an Mechanik, Struktur und Choreografie.
Genau diese gleichzeitige Vielfalt der Werke und Disziplinen war für uns die größte filmische Herausforderung. Wie zeigt man in 4:30 Minuten, dass dieselben zwei Köpfe gleichzeitig an einer schwebenden Kirche, einer kinetischen Uhrenwand und einer Drohnen-Vitrine arbeiten — ohne den Zuschauer zu überfordern?
Hinter den Kulissen: Der Drehtag im Studio Slakthusområdet
Slakthusområdet — auf Deutsch: »Schlachthofgelände« — war einmal das industrielle Fleischviertel Stockholms. Heute ist es ein Cluster aus Designstudios, Galerien und Restaurants, und das Studio von Humans since 1982 sitzt mittendrin in einer ehemaligen Lagerhalle. Hohe Decken, Nordlicht, Werkbänke neben Programmierplätzen.
Für unseren Drehtag haben wir das Konzept in fünf Szenen gegliedert:
- Werkschau im Raum: Aktuelle Arbeiten — Waterfalls, Rockets aus der Serie Collection of Motion — frei stehen lassen und wirken lassen. Ein visueller Auftakt ohne Worte.
- Studiosituation: Das Team in Diskussion an The Rocking Church. Detailaufnahmen, Close-ups, Totalen — die Choreografie der Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Designern und Ingenieuren.
- O-Töne mit den Künstlern an A million Times: Wie ist die Idee entstanden? Warum Zeit? Wie funktioniert eine solche Installation technisch?
- Schnittbilder von A million Times at Changi: Archiv- und Pressmaterial der Riesen-Installation am Flughafen Singapur, integriert über Bildmontage.
- Surveillance Light & Collection of Drones: Die kritische Seite des Werks. Wie politisch verstehen sich die beiden? Wo legt ihre Kunst den Finger in die Wunde?
Eine Drehbuch-Dramaturgie, die sich auf jeden Auslandsdreh übertragen lässt: einsteigen mit Bildern, die neugierig machen — den Menschen Raum geben — Werke einzeln tragen lassen — und mit einer Frage schließen, nicht mit einer Antwort.
Warum Auslandsdrehs für TV-Magazine eine eigene Disziplin sind
Ein Auftragsdreh in Schweden ist logistisch etwas anderes als ein Dreh in Berlin. Drei Punkte, die für unseren Workflow bei TV-Produktionen und Reportagen immer wieder zentral sind:
- Equipment-Reduktion. Wir reisen mit einem schlanken, flugtauglichen Setup an — Hauptkamera, ein bis zwei Objektive, Funkstrecke, Lichtset auf das Nötigste reduziert. Was wir nicht mitnehmen, mieten wir vor Ort.
- Drehgenehmigungen und Rechte. In Studios und auf Privatgelände klären wir Genehmigungen vorab — nicht nur fürs Senderecht, sondern auch für spätere Auswertungen über Mediathek, Social Media und Eure eigene Webseite.
- O-Ton-Vorbereitung. Bei Künstlern, die zwei Sprachen sprechen, klären wir vorher, in welcher Sprache welche Aussage am stärksten wirkt — und dokumentieren beides parallel, falls die Redaktion später für die deutsche Sendung Voiceover statt Untertiteln möchte.
Diese Routine kommt bei uns aus über 20 Jahren TV-Auftragsproduktion in über 30 Ländern — und sie ist der Grund, warum wir auch komplexe Stoffe in einer einzigen Drehreise sauber abdrehen können.
Das Ergebnis: »Design mit Poesie« bei euromaxx
Der fertige Beitrag mit dem Titel »Design mit Poesie« lief am 26. Oktober 2019 im euromaxx-Magazin der Deutschen Welle. Er wurde in mehreren DW-Sprachversionen ausgestrahlt und ist bis heute in der Mediathek abrufbar.
▶ »Design mit Poesie« — der fertige Beitrag in der DW-Mediathek
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Ob TV-Magazin, Imagefilm im Künstleratelier, Dokumentation für eine Stiftung oder Reportage über internationale Kreative: Wir produzieren seit über 20 Jahren Filmbeiträge im In- und Ausland — diskret, schnell entscheidungsfähig vor Ort und mit dem Verständnis, dass Künstler keine Industrieprodukte sind, sondern Menschen mit eigenem Tempo.



